Allerseelen oder Trauer als Weg: Verstehen, Verarbeiten, Wachsen

Der November ist der dunkle Monat, der Sommer ist endgültig vorbei, auch der goldene Oktober hat sich verabschiedet. Dieser Monat beginnt mit dem Allerheiligen-Fest und dem Gedenktag Allerseelen; wir gedenken unserer Verstorbenen und egal wie lang der Verlust zurückliegt, manchmal fängt die seelische Wunde an zu schmerzen, wir sind traurig und die eine oder andere Träne rollt über unsere Wange.

Daniel Schaup

11/1/20246 min read

white cross on green grass field during daytime
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Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, scheint es oft, als stehe die Welt plötzlich still. Die Gefühle, die uns überfluten, sind schwer zu ertragen. Trauer ist keine Reise, sie ähnelt eher einem Gewaltmarsch durch unwirkliches Gelände – Wüsten, Landschaften aus Eis, über Berge und durch dunkle Täler. Heutzutage, wo wir oft versuchen, negative Gefühle zu verdrängen, ist es wichtig zu verstehen, dass Trauer normal ist. Die mit ihr verbundenen Gefühle sind ein Teil des Prozesses, der uns erlaubt, den Verlust zu verarbeiten und zu wachsen. Es ist ein Weg, der durch verschiedene Phasen führt, die es zu akzeptieren und zu durchleben gilt, um danach heil in eine neue Lebensphase zu gehen.

Trauer ist kein lineares Geschehen, sondern eine Welle, die uns mal weiter hinausträgt und uns dann wieder zurückspült. Jeder Mensch erlebt Trauer anders, und es gibt keinen richtigen oder falschen Weg, diesen Prozess zu durchlaufen. Es gibt aber vier grundsätzliche Phasen der Trauer, die uns helfen können, die eigenen Empfindungen zu verstehen und zu akzeptieren.

Phase 1: Der Schock

Die erste Phase der Trauer ist der Schock. Wenn wir die Nachricht über den Tod eines geliebten Menschen erhalten, kann es sich anfangs unwirklich anfühlen. Wir fühlen uns betäubt, können unsere Emotionen nicht greifen. Es ist, als wäre ein Schleier über unseren Verstand gelegt. Das Bewusstsein kann kaum erfassen, dass der Mensch, den wir lieben, tatsächlich gegangen ist. Wir möchten die Person vielleicht anrufen oder besuchen, nur um im nächsten Moment wieder die brutale Realität zu erkennen. Es ist normal, dass der Schock über Stunden, Tage oder sogar Wochen andauern kann. Diese Phase ist ein Schutzmechanismus unseres Geistes, der uns Zeit gibt, den Schmerz langsam zu realisieren.

Phase 2: Das Gefühlschaos

Nach dem Schock beginnt das Gefühlschaos. Hier begegnen wir einer Vielzahl an Emotionen: Trauer, Wut, Angst, Schuldgefühle, Verzweiflung und der verzweifelte Versuch, das Unvermeidliche festzuhalten. Wir fühlen vielleicht Schuld, weil wir denken, wir hätten etwas anders machen sollen. „Hätte ich ihm nur noch gesagt, wie sehr ich ihn liebe“ oder „Warum habe ich nicht mehr Zeit mit ihr verbracht?“ Solche Gedanken sind normal und menschlich. Doch es ist wichtig, diese Gefühle zu akzeptieren und sich ihnen zu stellen. Nur indem wir all diese Emotionen anerkennen, geben wir ihnen Raum, sich zu sortieren und schließlich in eine neue Ordnung überzugehen.

Phase 3: Erinnerungen & Loslassen

Mit der Zeit ändert sich die Art und Weise, wie wir den Verlust erleben. Die Erinnerungen kommen zurück – oft wunderschöne, aber auch schmerzhafte Momente. Wir erinnern uns an die gemeinsamen Lacher, die tiefen Gespräche, die kleinen Dinge, die diese Person so besonders gemacht haben. Diese Erinnerungen können uns trösten, aber sie können uns auch tieftraurig machen. In dieser Phase fühlen sich viele Menschen begleitet von der verstorbenen Person, führen innerliche Dialoge oder tauchen tief in diese vergangene Welt ein. Gerade Kinder können in dieser Zeit besonders intensiv trauern, da ihre Fantasie es ihnen ermöglicht, die geliebte Person noch stärker zu spüren. Wichtig ist, sich in dieser Phase Zeit zu nehmen, mit sich selbst ins Reine zu kommen und letztendlich loszulassen.

Phase 4: Frieden finden

Nach und nach stellt sich ein Gefühl des Friedens ein. Das Loslassen fängt an, die Trauer wird erträglicher, und der Verlust wird Teil unseres Lebens. Auch wenn die Traurigkeit manchmal noch hochkommt – etwa wenn wir alte Fotos anschauen oder an vertraute Orte zurückkehren –, fühlen wir uns in Frieden mit der Situation. Der Verstorbene wird Teil von uns, zu einer inneren Stütze, zu einer liebevollen Erinnerung, die uns begleitet, ohne unser Leben zu dominieren. Die Trauer wird nicht verschwinden, aber sie wird zu einem stillen, respektvollen Teil unseres Lebens, der uns daran erinnert, wie wertvoll die gemeinsamen Momente waren.

Trauer: Ein individueller Weg

Diese vier Phasen sind allgemeine Wegmarken, die Trauernde häufig durchlaufen. Doch diese Phasen sind nicht starr, sie können sich überlappen, abwechseln oder gar wiederholen. Die Dauer und Intensität dieser Phasen ist von Mensch zu Mensch verschieden und hängt von vielen Faktoren ab: Wie nah stand man der Person? War der Tod plötzlich oder konnten wir uns vorbereiten? Wie gut können wir allgemein mit schmerzhaften Erlebnissen umgehen? Jeder Trauerprozess ist einzigartig, und es gibt keinen festen Zeitrahmen, in dem man wieder funktionieren muss.

Früher war es Tradition, ein ganzes Jahr in Trauer zu verbringen – das Trauerjahr. In dieser Zeit trugen die Angehörigen schwarze Kleidung, ein Zeichen für die Umwelt, dass sie sich in einer besonderen Lebensphase befinden. Es war ein sichtbares Zeichen, dass man Raum und Zeit benötigt, um den Verlust zu verarbeiten. Diese Tradition half, Trauer als etwas Normales, als Teil des Lebens, zu akzeptieren. Traurigkeit, Weinen, Appetitlosigkeit und eine gewisse Schwäche waren akzeptierte Begleiterscheinungen dieser Phase.

Trauer ist keine Krankheit

Heutzutage neigen wir dazu, Trauer zu pathologisieren. Die moderne Psychiatrie hat Trauer, die länger als zwei Wochen andauert, in den DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) als potenziell krankhaft eingestuft. Das bedeutet, dass Menschen, die nach zwei Wochen noch trauern, als psychisch krank angesehen werden könnten. Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung, denn sie nimmt einem zutiefst menschlichen und wichtigen Prozess seinen Raum. Trauer ist kein Zustand, der einfach überwunden werden muss – sie ist eine Erfahrung, die durchlebt werden möchte. Medikamente können den Trauerprozess unterdrücken, doch der Schmerz bleibt bestehen und kann sich später in anderer Form manifestieren.

Der richtige Umgang mit Trauer

Wer trauert, braucht Zeit und Verständnis – nicht nur von sich selbst, sondern auch von den Mitmenschen. Angehörige und Freunde können eine wichtige Stütze sein, indem sie zuhören, da sind und das Gefühl vermitteln, dass der Trauernde nicht alleine ist. Oft hilft es schon, über die Erinnerungen zu sprechen, die schönen und auch die schmerzhaften Momente zu teilen. Wer die Trauer nicht alleine tragen muss, der wird oft leichter und manchmal auch schneller durch diesen Prozess hindurchgehen.

Es ist auch wichtig, sich professionelle Hilfe zu holen, wenn man das Bedürfnis danach verspürt. Doch anstatt vorschnell zu Medikamenten zu greifen, sollten wir darauf achten, Seelsorger zu finden, die den Trauerprozess natürlich begleiten, die urteilsfrei zuhören und Raum für all die Gefühle bieten, die auftreten. Trauer ist kein Zustand, den man mit einem Rezept lösen kann. Es ist eine Reise, und manchmal brauchen wir einen Begleiter, der uns den Weg weist.

Wachsen durch Trauer

Trauer zuzulassen, ist schwer. Es erfordert Mut, sich den eigenen tiefsten Emotionen zu stellen, die Wellen von Schmerz zu durchleben und sich auf eine unsichere Reise zu begeben. Doch gerade diese Konfrontation mit dem Unausweichlichen lässt uns wachsen. Sie bringt uns in Kontakt mit der Kraft in uns, die all das tragen kann und daran wachsen will. Sich dem Schmerz zu stellen, ihn zu fühlen und zu durchleben, kann uns stärken, uns ein Gefühl der Erleichterung und des Friedens schenken, das uns letztendlich glücklicher macht. Denn wir erlösen einen Teil unseres Schattens, wir wachsen, entwickeln unsere Persönlichkeit weiter und werden um eine wichtige Erfahrung reicher.

Es liegt an uns, wie wir den Herausforderungen des Lebens begegnen. Wir können den Schmerz verdrängen, uns in der Oberfläche verlieren oder uns mit Alkohol oder Medikamenten betäuben – doch das wird uns auf Dauer nicht glücklich machen. Oder wir können die Trauer als Chance sehen: als Chance, tiefer zu gehen, unser Herz zu öffnen, unser Selbst zu stärken und schließlich Liebe und Frieden zu finden, auch wenn es weh tut.

Fazit

Trauer ist eine tiefe, ehrliche Erfahrung. Sie ist ein Ausdruck unserer Liebe, ein Zeichen dafür, dass der Mensch, den wir verloren haben, wichtig war und immer einen Platz in unserem Herzen haben wird. Trauer ist kein Feind, den wir besiegen müssen, sondern ein Teil unseres Lebens, der uns formt und uns letztendlich zu stärkeren, liebevolleren Menschen macht. Wenn wir uns erlauben, die Trauer zu durchleben, finden wir am Ende des Weges vielleicht sogar zu uns selbst. Wir sind fähig, loszulassen, Frieden zu finden und unsere Lebensreise mit neuem Mut und tiefer Liebe fortzusetzen.

Wenn wir also in diesen Tagen zu den Gräbern gehen, um sie mit einem Gesteck aus Tannenzweigen zu schmücken oder eine Kerze anzuzünden, dürfen wir die Trauer annehmen und vielleicht sehen wir in unserer verdunkelten Seele jenen, der das Licht der Welt ist, bei dem all unsere Lieben geborgen sind. Mit Tränen in den Augen können wir dann Lächeln, denn die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort!