Der Espresso
Vom Flanieren und dem Gedanken von der Ewigen Wiederkehr
Daniel Schaup
5/6/20262 min read


Endlich lädt das Wetter zum Flanieren ein. Lissy scheint es egal zu sein, woran sie schnüffelt: Baum oder Wand. Hauptsache, es riecht nach Welt. Außerdem trifft sie in der Stadt ihre Kumpels: Pablo, den kleinen braunen Chihuahua, Toni und vor allem Cookie, den dunkelbraunen Toypudel, in den sie ein bisschen verliebt ist.
Am großen Springbrunnen kehren wir ein. Die meisten Tische sind belegt. Einheimische und Touristen, wild gemischt; ein Gewirr aus Deutsch, Englisch, Russisch und etwas, das sich wie Portugiesisch anhört. Die Kellnerin kommt. Ich bestelle einen Espresso. Lissy nimmt einen Napf Wasser. Wir warten.
Lissy beobachtet die Kinder auf dem Rand des Springbrunnens: Das Mädchen läuft in die eine Richtung, der kleine Junge in die andere. An einer Stelle treffen sie aufeinander und beginnen herzlich zu lachen. Sie drehen sich um. Laufen wieder los. Treffen sich. Lachen. Drehen. Wieder von vorn.
Das Spiel hat keine Absicht, kein Ziel. Es genügt sich selbst.
Untermalt wird die Szene vom gleichmäßigen Rauschen der Fontäne. Ich merke, wie ich anfange zu zählen, obwohl es nichts zu zählen gibt. Wie oft sie sich begegnen. Wie oft sie lachen. Immer an derselben Stelle. Immer gleich. Und doch nicht ganz.
Ich denke an Nietzsche und seine Idee, dass sich alles wiederholt. Nicht nur ähnlich – sondern genau so. Jeder Schritt, jedes Lachen, jeder Schluck Espresso. Unendlich oft. Und frage mich, ob das ein Trost ist oder eine Zumutung – der Gedanke von der Ewigen Wiederkehr.
Vielleicht entstehen solche Gedanken in den Bergen. Nietzsche wanderte durch die Schweizer Berge um Sils Maria als er die Idee hatte. Oder in den fünf Minuten während man auf seinen Espresso wartet?
Lissy springt auf. Und auch ich traue meinen Augen nicht. Ein Bernhardiner geht vorbei. Diese Rasse sieht man wirklich selten. Mein Gott, ist dieser Hund groß. Fehlt nur noch das kleine Holzfass am Halsband.
Die Kellnerin kommt. Zuerst serviert sie Lissy ihren Wassernapf. Dann stellt sie meinen Espresso auf den Tisch. Wir bedanken uns.
Lissy taucht ihre kleine, schmale Zunge in das frische Wasser. Ich nippe am Espresso und frage mich, ob es wirklich nur fünf Minuten waren – oder ob sie sich gerade wiederholen.