Der Schlafmohn

Neuerscheinung meines Romans "Schlafmohn"

Daniel Schaup

4/21/20262 min read

Mir gegenüber auf einer anderen Bank sitzt ein junger Mann. Er starrt auf sein Handy. Mit angewinkeltem Daumen tippt er darauf herum. Neben ihm steht eine halb volle Bierflasche. Ich streichle Lissy, unsere kleine Maltipoo-Hündin, und betrachte diesen Mann, der nicht merkt, wie ich ihn beobachte. Jetzt greift er zur Bierflasche und trinkt einen großen Schluck. Vor die Sonne schiebt sich eine Wolke. Lissy schaut mich an. Ihr Blick überzeugt mich, unseren Spaziergang fortzusetzen.

In den Blumenbeeten an der Promenade blühen Primeln und einige Osterglocken. Langsam gelingt es dem Frühling, das graue kalte Wetter zu vertreiben. Lissy entdeckt eine interessante Stelle an einem Laternenmast. Ich warte. Mein Blick schweift herum. Eine junge Frau fährt mit dem Fahrrad vorbei: Sie manövriert das Rad einhändig, denn in der anderen hält sie ihr Handy.

Ein älterer Herr läuft langsam an uns vorbei, in der einen Hand einen Beutel, in der anderen eine Bierflasche. Lissy muss die Informationen am Mast noch einmal lesen. Mir steigt der süßlich-herbe Duft eines Joints in die Nase. Er kündigt eine Gruppe pubertierender Jungs an, die laut durcheinanderredend an uns vorbeigehen.

Auf unserem Rückweg fährt ein Auto mit offenen Fenstern an uns vorbei. Eine Musik mit einem harten ekstatischen Rhythmus strömt unerbittlich heraus. Mein Herz ist versucht, sich dem Hämmern anzupassen. Lissy schaut mich mit ihren kleinen braunen Knopfaugen an. Ich zucke mit den Schultern. Jetzt ertönt die Sirene eines Krankenwagens. Wir gehen schneller und erreichen vor ihm die Haustür.

Zurück am Schreibtisch denke ich an Niko Hellberg, den Helden meines Romans „Schlafmohn“. Er kommt aus Berlin und schleppt mehr Altlasten mit sich herum als in einen Keller passen. Außerdem hatte er sich für die falschen gesellschaftlichen Kreise entschieden: Drogen, Geldwäsche, eben die falsche Crew. Jetzt ist er ein Aussteiger mit kriminellem Hintergrund.

Gut, diesen Hintergrund haben wir nicht alle, aber auch unsere Keller bersten über vor Altlasten, auch wir sind wegen falscher Entscheidungen Irrwege gegangen; wuchsen in einer funktionsgestörten Familie auf oder sind gefangen in den Anforderungen des modernen Joballtags.

Ist es da nicht mehr als verständlich, wenn wir das alles nicht mehr sehen und hören wollen? Wenn wir zum Schlafmohn greifen in all seinen Varianten: den lustigen Videos, die über den kleinen Bildschirm flimmern, zum Bier am Abend, zum Joint, zu all dem, das uns die scharfen Kanten der Realität weniger spüren lässt?

Meinen ersten Roman nannte ich „97 % Himmel“. Irgendwie scheint sich diese Metapher durch mein ganzes Schreiben zu ziehen. Weil wir keine Maschinen sind, werden wir niemals 100 Prozent perfekt sein. Sollen wir deshalb auf die fehlenden drei Prozent schauen? An ihnen leiden? Uns betäuben angesichts unserer Fehlerhaftigkeit? Wie groß kann die Freude sein, wenn wir auf die 97 Prozent blicken!

Niko bekommt am Ende des Romans eine Chance, sich seinen 97 Prozent zuzuwenden. Ich hoffe, er wird sie ergreifen. Wenn Sie Niko besser kennenlernen wollen, dann können Sie meinen neuen Roman „Schlafmohn“ ab sofort überall kaufen, wo es Bücher gibt.