Die Distel

Unser Garten ist eine Oase, eine Idylle.

Daniel Schaup

4/20/20261 min read

Wir lieben unseren Garten. Er liegt am Rand der Stadt. Eine Oase. Eine kleine Idylle. Ich betrete sie, gehe einmal hindurch, lasse meinen Blick über die Beete schweifen. Dann kleide ich mich um. Abermals betrachte ich die sechshundert Quadratmeter. Manchmal hänge ich dem Tagtraum der absoluten Symmetrie nach – vielleicht meine preußischen Gene, die mich versuchen, alle Grashalme stramm stehen zu lassen wie Gardisten. Aber so lässt der Garten nicht mit sich umgehen.

Ich kann nichts dagegen tun: die Quecke wächst, die Blattläuse tanzen auf den Rosenblättern. Perfektion ist ein Illusion. Die Distel dort im Beet, wie hat sie mich gestern geärgert. Heute leuchtet ihre violette Blüte durch das Kartoffelkraut. Ich lasse sie stehen, trete an sie heran und beobachte die Hummel wie sie sich an der Blüte gütlich tut.

Lissy hat ihren Schattenplatz nicht verlassen. Auch ich setze mich wieder unter die Magnolie. Auf einen alten Holzstuhl. Vor mir auf dem kleinen Mosaiktisch steht eine Tasse Tee mit frischen Minzblättern. Perfekt ist er nicht, unser Garten, aber wunderschön, denke ich und trinke einen Schluck Tee.

Da springt Lissy auf und rennt quer über das Blumenbeet. Dabei bricht eine Blüte von der Dahlie ab. Soll ich sie ausschimpfen? Lissy steht am Zaun. Ihr kleiner Puschelschwanz wedelt wild hin und her. Da taucht ihre Freundin auf, eine schwarze Shizu-Hündin.

Ich hebe die abgebrochene Blüte auf. Sie ist zart rosa. Aus unserer Laube hole ich eine kleine Vase. Die Blüte passt genau hinein. Ich stelle die Vase auf den Tisch neben meine Teetasse.

Ja, er ist eine Idylle, unser Garten, eine Oase am Rand der Stadt. Wir lieben ihn mit seiner unperfekten Schönheit. Und Lissy auch mit all den Abenteuern, die es zu erschnüffeln gibt.