Die Schatten sind nicht nur schwarz

Warum kleiden wir uns so oft in Schwarz? Ist es Gewohnheit, Ausdruck von Eleganz oder ein stiller Schrei nach Licht?

Daniel Schaup

2/18/20252 min read

Im allgemeinen Menschengetümmel einer Einkaufsstraße an einem grauen Samstagvormittag entdecken wir nur wenige "Leuchtbojen" – Menschen, die statt des üblichen Schwarz farbige Kleidung tragen. Wer einmal achtsam durch die Straßen seiner Stadt geht, wird bemerken: Schwarz dominiert. Doch warum tragen so viele Menschen diese Nicht-Farbe?

Schwarz ist, physikalisch gesehen, die Abwesenheit von Licht. Goethe erkannte Schwarz nicht als Farbe an, wenn überhaupt sei sie die „Farbe der Finsternis“. In seiner Farbtheorie beschreibt er die Wirkung von Schwarz als schwer, bedrückend und melancholisch. Vielleicht ist das der Grund, warum wir Schwarz in Zeiten der Trauer tragen; so machen wir unseren Seelenschmerz sichtbar. Die Welt mag in Licht getaucht sein, doch wir fühlen uns, als wäre sie verdunkelt. Dennoch sehnen wir uns nach Trost und Licht. Ist schwarze Kleidung also auch ein stiller Schrei nach Licht und Freude?

Johnny Cash, der Man in Black, wählte diese Farbe bewusst für seine Kleidung. In seinem gleichnamigen Lied erklärt er, dass er Schwarz für die Armen, die Unterdrückten, die Kranken und Einsamen trägt. Für ihn symbolisiert das Schwarz seinen Versuch, die Düsternis fortzutragen bis die Welt endlich wieder heiterer wird. Vielleicht spiegelt sich in unserer schwarzen Kleidung ebenfalls der Wunsch wider, die Düsternis zu vertreiben?

Einen ganz anderen Ansatz verfolgte der Maler Claude Monet. Er vermied Schwarz in seinen Bildern und nutzte stattdessen Komplementärfarben, bei Blau setzte er Orange oder Rot ein. Um Schatten darzustellen, hellte er die jeweilige Farbe sukzessive mit Weiß auf. So zeigen uns Monets Werke, dass Licht auch in der Dunkelheit vorhanden ist – dass wir die Welt erhellen können, ohne uns auf das Schwarz zu fixieren.

Was wäre, wenn wir diesen Gedanken auf unser eigenes Leben übertragen? Wenn wir bewusster Farbe in unseren Alltag bringen – nicht nur in der Kleidung, sondern auch in unserer Haltung zur Welt? Sie ist nicht nur schwarz und weiß, auch nicht grau! Vielleicht könnten wir dann das tun, was Monet in seinen Bildern und Cash mit seinem Lied ausdrückte: Die Düsternis nicht nur ertragen, sondern forttragen. Die Schatten der Welt sind nicht einfach schwarz – in ihnen versteckt sich das Licht. Wir sind es, die es sichtbar machen dürfen.