Die Zwiebel
Nach einem Tag, der sich anfühlt wie ein schlecht sitzendes Sakko.
Daniel Schaup
4/13/20261 min read


Heute war so ein Tag, der sich die ganze Zeit anfühlt wie ein schlecht sitzendes Sakko: Ständig bin ich irgendwo hängengeblieben und die Nähte meiner Geduld wurden von kleinteiligen Aufgaben strapaziert. Endlich wieder zu Hause, bin ich versucht, eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu werfen und mich von belanglosen Filmen berieseln zu lassen.
Mir gelingt es, dieser Versuchung zu widerstehen. Wenn draußen alles im Chaos versinkt, werde ich zumindest auf dem Schneidebrett eine Ordnung erzwingen! Also hänge ich mir meine Schürze um.
Die Schürze ist eine Art Rüstung. Meine ist weiß und aus festem Leinen. So grenze ich mich ab. Ich signalisiere mir selbst: Das Chaos bleibt vor der Küchentür. Dann greife ich zum Messer. Es ist keines aus stumpfen Blech mit Plastikgriff. Ich halte ein Messer in der Hand, das Respekt verlangt.
Ich nehme die Zwiebel und schäle sie. Auch ihr trete ich mit der entsprechenden Haltung gegenüber: sie wird von mir nicht wild und wehrlos zerhackt. Ansetzen. Schneiden. Würfeln. Präzision statt Chaos.
Warum dieser Aufwand? Weil die Qualität des Schnitts die Qualität der Seele spiegelt. Es ist eine asketische Übung. Ich bezwinge die eigene Ungeduld und die dahinter lauernde Wut. Jeder Würfel ist ein kleiner Sieg über die Versuchung, sich träge in den Sessel fallen zu lassen.
Wenn die Butter im Topf zergeht und das Gemüse leise zischt, entsteht ein Moment der Kontemplation. Ich spüre: Alles hat seine Zeit. Zwingen kann ich nichts.
Schließlich decke ich den Tisch. Eine Stoffserviette und ein ordentliches Glas. Bloß kein Plastik auf dem Tisch! Es ist die finale Höflichkeit gegenüber meiner Frau und mir selbst.
Heute wollen wir nicht nur essen, um satt zu werden. Der Tag mag verloren gewesen sein, aber wir sitzen an diesem Tisch und genießen – das Essen, die gemeinsame Zeit, unser Leben.
Und natürlich hat Lissy auch etwas in ihrem Napf. Derzeit liebt sie Wildschwein. Wir hören sie leise schmatzen.