Von Optimisten und Pessimisten oder: Die Wahrheit über Luftballons

Zwei Kinder, zwei Luftballons und zwei Sichtweisen: Optimismus und Pessimismus. Der Artikel erkundet, wie unsere Perspektive das Leben prägt, was uns zu Optimisten oder Pessimisten macht und warum Freude stets die beste Wahl ist.

Daniel Schaup

10/17/2024

Im Hof unter meinem Fenster spielen zwei Kinder. Freudig rennen die Mädchen umher, jede einen roten Luftballon in der Hand. Vielleicht ein Werbegeschenk eines nahegelegenen Geschäfts. Sie lachen laut und freuen sich über ihre Luftballons. Da gleitet der einen plötzlich die Leine aus der Hand und der Ballon wird gen Himmel getragen. Mit in den Nacken gelegtem Kopf starrt sie in den Himmel, wo ihr Ballon vom Wind hin und her getragen wird. Ihr Gesicht verzerrt sich unmittelbar und aus ihren Augen rollen Tränen und sie beginnt herzzerreißend zu Weinen: „Mein Luftballon ist weg! Mein Luftballon ist weg!“

Von dem Unglück hat das andere Mädchen noch nichts mitbekommen, es rennt fröhlich im Hof umher. Als es aber ihre Freundin weinen hört und sieht wie traurig sie ist, lässt auch sie die Schnur ihres Luftballons los. Und der Ballon steigt zum Himmel, dem anderen hinterher. Da klatscht das Mädchen laut in die Hände und fängt an zu tanzen. Ihre Freundin schaut sie verwundert mit verweinten Augen an. „Schau mal“, ruft das tanzende Mädchen, „schau nur, wie schön der Ballon steigt! Er fliegt zur Sonne!“

Zwei Kinder, zwei Arten die Welt zu sehen! Natürlich denke ich als Erwachsener sofort an das berühmte Wasserglas, das für den einen halbvoll und für den anderen halbleer ist. Der eine ist Optimist, der andere Pessimist. Sei’s drum. Ich frage mich trotzdem, ob wir als Optimisten oder als Pessimisten geboren werden. Vor allem deshalb, weil ich glaube, als Optimist zu leben, macht definitiv mehr Spaß wie das tanzende Mädchen im Hof wundervoll illustriert und es ist nachweislich gesünder.

Optimisten sehen das Glas also halbvoll: Sie fokussieren sich auf das, was da ist, und erfreuen sich daran, wie am zur Sonne fliegenden Luftballon. Pessimisten hingegen sehen das Glas halbleer: Sie bemerken vor allem, was fehlt, und sind darüber besorgt; das Kind mit den leeren Händen weint um seinen Verlust.

Der Optimist ist kein Hypochonder

Ein Optimist ist ein Mensch, der überall Potenziale sieht. Für ihn ist jede Herausforderung eine Gelegenheit, jedes Problem ein unbearbeiteter Rohstoff, aus dem man etwas Wertvolles gewinnen kann. Das bedeutet nicht, dass der Optimist blind für die Probleme der Welt ist – vielmehr ist er davon überzeugt, dass die Dinge letztendlich besser werden. Der Optimist fragt sich nicht nur „Was ist?“ sondern „Was könnte daraus werden?“ Zwei am Himmel im Wind tanzende rote Luftballons auf dem Weg zur Sonne.

„Was könnte daraus werden?“ Gut, das fragt sich der Hypochonder auch, wenn er sich abtastet oder seine Leberflecke begutachtet, aber der ist definitiv ein Pessimist. Womit das auch mal geklärt ist! Die positive Grundhaltung eines Optimisten zeigt sich besonders in Krisenzeiten. Da läuft er zur Höchstleistung auf, denn er weiß zwar, dass Rückschläge und Fehler unvermeidbar sind, wir sind nunmal Menschen, aber aus Rückschlägen können wir lernen und Fehler sind die Puzzle-Teilchen, aus denen der Fortschritt unsere Zukunft baut.

Der Pessimist: Mit dem Pudel durch Frankfurt

Ein Pessimist puzzelt nicht. Es könnte ja ein Teil fehlen! Er sieht nur die Schwächen der Realität. Der Pessimist neigt dazu, stets vorsichtig zu sein. Seine Sorge ist, dass zu viel Optimismus die realen Gefahren und Risiken verschleiern könnte.

Wenn ich über den Pessimismus nachdenke, muss ich immer an einen Pudel denken, nein, nicht wegen Goethes Faust, sondern ich sehe den Philosophen Arthur Schopenhauer mit seinem Pudel an der Leine durch Frankfurt am Main laufen – gut, dort wurde Goethe einst geboren, aber der war definitiv ein Optimist.

Für Schopenhauer ist das Leben von Leid geprägt, und die menschlichen Wünsche und Bedürfnisse sind die Quelle unaufhörlicher Unzufriedenheit. Die Welt des Pessimisten vom Schlage eines Schopenhauer besitzt durchaus Potenzial, aber nur zum Schlechten hin: „Schaut euch doch um, es wird alles immer schlimmer!“

Richard Wagner war ein begeisterter Leser dieses Pudel-Herrchens, was ich spätestens dann weiß, wenn ich zufällig seine Musik höre, ganz zu schweigen von Friedrich Nietzsche, der aber ein Sonderfall ist, den es gesondert zu betrachten gilt. Ich stelle mir den kleinen Nietzsche im Dorf Röcken vor, mit einem roten Luftballon in der Hand; wahrscheinlich hätte er ihn mit einer Nadel platzen lassen und sich am lauten Knall erfreut.

Die psychologischen Wurzeln von Optimismus und Pessimismus

Aber warum sind manche Menschen Optimisten, während andere Pessimisten sind? Studien zeigen, dass persönliche Erfahrungen, Erziehung und sogar genetische Veranlagungen einen Einfluss darauf haben, ob eine Person eher optimistisch oder pessimistisch eingestellt ist.

Optimisten glauben daran, dass ihre Handlungen einen positiven Unterschied machen können. Sie haben Vertrauen in ihre Fähigkeit, das Leben zu gestalten und Probleme zu lösen. Dieses Selbstvertrauen führt dazu, dass sie Herausforderungen eher als Chancen sehen.

Pessimisten hingegen neigen dazu, eine vorsichtigere Haltung einzunehmen. Sie können negative Erfahrungen gemacht haben, die dazu führen, dass sie potenzielle Gefahren deutlicher wahrnehmen. Das macht sie zu genialen Kritikern und wenn sie es zur Meisterschaft bringen: zu Ideenzerfleischern.

Die Erziehungsanstalten: das Pessimismustrainingslager

Wer mit einem sonnigen Gemüt geboren wird und darüber hinaus mit einem optimistischen Elternhaus gesegnet ist, der wird spätestens mit dem Eintritt in die modernen Erziehungsanstalten auf viele Menschen treffen, die zwar keinen Pudel besitzen, aber ebenso denken wie Schopenhauer.

Gott sei Dank, bewahren sich einige ihren Optimismus und diese führen die Menschheit in neue Abenteuer; sie bringen mit ihren Visionen die Welt voran. In ihrem Schatten leben die Pessimisten, sie leben davon, alles Neue zu kritisieren und auf Gefahren hinzuweisen. Sie erinnern daran, dass nicht jede Veränderung gut ist und dass wir auch die Folgen unserer Handlungen bedenken müssen.

Ohne die kreative Energie und den Zukunftsoptimismus der Optimisten würden wir keine großen Sprünge in Richtung Fortschritt und Innovation machen. Jedoch will ich an dieser Stelle eine kleine Lanze für die Pessimisten brechen, deren Krisenbewusstsein uns auch vor schwerwiegenden Fehlern warnt, bei denen es besser ist, sie zu vermeiden. Dieses Bewusstsein haben sie sich über lange Jahre an den Universitäten antrainiert. Die meisten fristen ihr Leben als Bedenkenträger in öffentlichen Institutionen.

Ich glaube, unsere Welt hat derzeit genug Bedenkenträger, deshalb freue ich mich darüber, dass dieses kleine weinende Mädchen dort unten im Hof eine froh gesinnte Freundin hat, denn Freude heilt jeden Pessimismus, jede Sorge und macht auch Trauer erträglicher, denn die beiden Mädchen haben sich jetzt an den Händen gefasst; sie tanzen zusammen durch den Hof und singen: „Zur Sonne, zur Sonne, hinauf zur Sonne fliegen sie!“